Achtsames (intuitives) Essen

Aktualisiert: März 9

Es gibt ein paar Dinge, die nicht meine Kinder von mir gelernt haben, sondern ich von ihnen. Eines dieser Dinge ist das intuitive Essen. Meine beiden Söhne essen, wenn sie Hunger haben und hören damit auf, sobald sie satt sind. Wenn sie sich an einem Tag zum Beispiel aufgrund eines Geburtstagsfestes praktisch nur von Kuchen, Schokolade und Gummibärchen ernähren, essen sie am Abend kaum noch etwas und greifen am nächsten Tag automatisch eher zu Obst und Gemüse. Und es bleibt auch tatsächlich mal ein halbes Stück Kuchen auf dem Teller liegen, weil sie einfach gesättigt und zufrieden sind, da kann der Kuchen noch so gut schmeckt.

Klar, meine Kinder bewegen sich den lieben langen Tag und haben eine schier endlose Energie, was sicherlich zu einem gesteigerten Grundumsatz und einer tendenziell eher negativen Kalorienbilanz führt. Trotzdem haben mich diese Beobachtungen dazu gebracht, mich vertieft mit dem Thema "intuitives Essen" auseinanderzusetzen und meine eigenen Essgewohnheiten grundsätzlich zu hinterfragen und nachhaltig zu ändern.


Was ist intuitive Ernährung?

Was meine Kinder offensichtlich noch ganz selbstverständlich beherrschen, habe ich leider im Laufe meines Lebens nach und nach verlernt - beim Essen auf die Signale meines Körpers zu hören. Der sagt uns nämlich ganz klar und deutlich wenn wir Hunger oder Durst haben, und auch wann diese gestillt sind. Da wir aber jahrelang darauf trainiert wurden, zu festgelegten Zeiten Hunger zu verspüren, und diesen dann in einer ganz bestimmten Reihenfolge (wenn du das Gemüse aufisst, gibt es noch ein Dessert!) zu stillen, und auf jeden Fall immer alles aufzuessen (da es sonst wohlmöglich schwerwiegende Konsequenzen auf die Wetterprognose haben könnte!), sind wir oft nicht mehr in der Lage, diese Signale richtig wahrzunehmen und zu deuten, geschweige denn danach zu handeln. Zudem neigen wir dazu, sämtliche Lebensmittel in bestimmte Kategorien einzuteilen. Diese Kategorien sind zwar individuell sehr verschieden, grundsätzlich werden aber Lebensmittel stets in "gut" oder "schlecht" bzw. in "gesund" oder "ungesund" kategorisiert. Verteufelt werden dabei beispielsweise ganze Nahrungsgruppen wie Kohlenhydrate oder Fett. Von gewissen "guten" Lebensmitteln dürfen wir so viel essen, wie wir wollen, andere sollten sich nach Möglichkeit nicht einmal im selben Raum befinden wie wir. Ist aber im Grunde nicht alles Gift, wenn man die richtige Dosis missachtet? Oder die körpereigenen Signale einfach ignoriert weil man meint, es besser zu wissen?

In der intuitiven Ernährung gibt es keine Verbote, keine Regeln und keine Zwänge. Jedes Lebensmittel ist neutral und es gibt keine Kategorien. Feste Essenszeiten gibt es auch nicht. Man isst, wenn man Hunger verspürt und hört auf zu essen, wenn man eine angenehme Sättigung erreicht hat, egal womit.


Risiken und Nebenwirkungen

Das hört sich ja alles sehr plausibel und - ja, intuitiv - an. Ganz so einfach ist es dann aber leider doch nicht. Die grössten Feinde der intuitiven Ernährung sind nämlich - neben den oben bereits erwähnten über lange Zeit antrainierten Essgewohnheiten - auch die menschliche Psyche. Natürlich ist es sehr verlockend und befreiend, alles essen zu dürfen, was das Herz begehrt, und sich von sämtlichen Zwängen und vermeintlichen Regeln zu befreien. Genau dort liegt aber der Hund begraben. Oft ist es nämlich tatsächlich das HERZ, welches gewisse Lebensmittel begehrt, und nicht der Magen. Viel zu oft greifen wir aus Langeweile, Einsamkeit oder Gewohnheit zum Essen, anstatt auf tatsächliche Hungersignale zu warten. Diesen emotionalen Hunger vom körperlichen Hunger zu unterscheiden, braucht sehr viel Zeit und Geduld, und lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen (wieder) erlernen.


Achtsamkeit und Regelbrüche

Neben Zeit und Geduld braucht es da vor allem eines: Achtsamkeit! Wir müssen wieder lernen, Achtsamkeit für die körpereigenen Hunger- und Sättigungssignale zu entwickeln. Durch langsames, achtsames Essen können wir unsere Mahlzeiten wieder geniessen, ohne uns zu überessen. Und dabei kommt es nicht nur darauf an zu erkennen, wann wir Hunger haben, sondern auch zu analysieren, was unser Körper gerade braucht. Das kann eine herzhafte Mahlzeit wie ein Butterbrot mit Käse sein, aber tatsächlich auch mal ein Stück Schokolade. Da blinken dann bei vielen gleich die Alarmglocken, weil sie dieses Lebensmittel seit jeher in die "schlechte" oder "ungesunde" Kategorie verbannt haben. Und anstatt dann tatsächlich ein kleines Stück Schokolade zu geniessen und damit den körperlichen Hunger zu stillen, kommen die altbekannten Verbote und Zwänge wieder zum Einsatz. Natürlich kann es bei der Umstellung zur intuitiven Ernährung tatsächlich auch passieren, dass gewisse Lebensmittel, die jahrelang als "verbotene Früchte" galten, ganz besonders attraktiv sind und der Körper scheinbar ständig nach ihnen verlangt. Das wird sich aber - aus eigener Erfahrung - schnell wieder einpendeln. Wenn es keine Verbote mehr gibt, verlieren diese vermeintlichen "Sünden" schnell an Attraktivität und man lernt wieder, sie wirklich nur sporadisch und dafür mit umso mehr Genuss zu verspeisen - ganz ohne Reue!


Znüni-Zwang im Kindergarten?

Viele Studien belegen mittlerweile einen grösseren sozialen als biologischen Einfluss auf das Essverhalten von Kindern: Wird in grösseren Gruppen gegessen, steigert das die Nahrungsaufnahme; verbietet man Kindern bestimmte Lebensmittel, wollen sie diese umso mehr. Einschränkungen der Essensmenge sorgen dafür, dass Kinder ihr Hunger- und Sättigungsgefühl nicht mehr selbst regulieren können und an Gewicht zulegen. Sie zum Essen zu drängen, führt zu einem Misstrauen gegenüber den eigenen Körpersignalen und das Kind kann nicht lernen, eigene körperliche Reaktionen auf eine Mahlzeit wahrzunehmen. In vielen Kindergärten wird vehement darauf bestanden, dass die Kinder ihr Znüni aufessen. Ich persönlich halte nicht viel davon und setze es auch nicht um, da ich auf das natürliche Sättigungsgefühl der Kinder vertraue. Natürlich kann es dann mal passieren, dass ein Kind eigentlich noch Hunger hätte, aber lieber wieder spielen gehen will. Spätestens beim Mittagessen wird dieses allfällige Defizit aber dann sowieso wieder ausgeglichen.


Ich persönlich habe auf diese Weise jedenfalls nach jahrelanger, vergeblicher Suche nach der "perfekten Ernährungsweise" endlich mein Gleichgewicht gefunden, sowohl körperlich als auch emotional, und habe die Freude und den Genuss am Essen wieder gefunden. Inzwischen kann ich jede Mahlzeit wieder genauso unvoreingenommen und frei geniessen wie meine Kinder! Und natürlich setze ich mich trotzdem zu den gewohnten Essenszeiten mit ihnen an den Tisch und esse dann mit, bis ich angenehm gesättigt bin.


Meine Top 5 Praxistipps zum intuitiven Essen

  1. Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangsam essen! jeden Bissen geniessen. Zwischendurch auch mal das Besteck ablegen und tief in den Bauch atmen. Oft stellt sich das Sättigungsgefühl etwas verzögert ein und wir essen darüber hinaus, ohne es zu merken.

  2. Egal wohin ich gehe, ich habe IMMER ein paar Snacks wie Nüsse, Studentenfutter, Obst oder Gemüsesticks dabei. Der Hunger kann plötzlich kommen, und es kann ganz schön peinlich sein, wenn in der Schulsitzung plötzlich der Magen ganz laut knurrt...

  3. Kauft euch etwas, das ihr euch bisher ganz strikt verboten habt und esst davon ganz, ganz achtsam und mit viel Genuss. Ihr werdet merken, dass der allererste Bissen der köstlichste ist, danach nimmt der Genuss mit jedem Bissen etwas ab. Euch wird bewusst werden, dass ihr gar nicht unbedingt die ganze Tafel Schokolade, die ganze Packung Gummibärchen oder das ganze Glas Nutella braucht, um zufrieden zu sein. Und es ist einfach herrlich, wenn nichts mehr verboten ist!

  4. Man muss lernen, auch mal nein zu sagen, wenn einem etwas angeboten wird, und man gerade wirklich absolut keinen Hunger darauf verspürt. So wie Kinder es auch tun würden. Man muss nicht aus Höflichkeit essen und auch nicht immer unbedingt den ganzen Teller aufessen. Die Reste natürlich nicht wegschmeissen, sondern für später aufbewahren!

  5. Achtet schon beim Einkaufen darauf, nur das einzukaufen, worauf ihr und eure Familie wirklich Lust habt und was auch bestimmt gegessen wird. Es gibt nichts Schlimmeres als Reste aufessen zu müssen, nur weil man sie sonst wegschmeissen würde. Es ist natürlich eine Zeitfrage, aber eventuell ist ein täglicher Einkauf nur für die nächsten zwei oder drei Mahlzeiten sinnvoller als ein grosser Wocheneinkauf.


Weitere Informationen zu intuitivem Essen gibt es hier, hier oder hier sowie in dieser sehr umfassenden Masterarbeit.


Guten Appetit!

129 Ansichten

©2019 by Mindful Flamingo. Proudly created with Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now