Keine Angst vor Langeweile!

Als es vor zwei Wochen hiess, die Schulen und Kindergärten würden für mindestens fünf Wochen schliessen und man solle - wenn möglich - in dieser Zeit mit den Kindern zu Hause bleiben, war meine Initialreaktion die gleiche wie bei Millionen anderer Mütter auch:

"Oh mein Gott, wie soll ich meine Kinder bloss so lange beschäftigen? Sie werden sich furchtbar langweilen!"

Inzwischen weiss ich, dass diese Angst völlig unbegründet war. Meine Kinder sind absolut in der Lage, sich selbst zu beschäftigen und entwickeln die tollsten und spannendsten Spielideen genau dann, wenn sie sich kurzzeitig einmal langweilen.


Anfangs sprang aber auch ich auf den Panikzug mit auf, der durch ellenlange Listen mit Beschäftigungstipps, Aktivitäten und Spielideen auf Facebook, Pinterest und Co. noch zusätzlich angefeuert wurde. Sollte ich ein "Rund-um-die-Uhr-Unterhaltungsprogramm" für die nächsten fünf Wochen aufstellen? Oder verschiedene "Aktivitätszonen" im Haus einrichten? Würde das Hausaufgaben-Material, dass von der Lehrperson zur Verfügung gestellt wurde, überhaupt ausreichen? Und hatten wir überhaupt genug Bücher und Spiele im Haus, die Bibliotheken waren ja nun auch zu? HILFE!!!!!!!


Ich entschied mich dann aber instinktiv gegen das Unterhaltungsprogramm und für ein ganz anderes Modell: wir haben gemeinsam einen Rahmen vereinbart mit verschiedenen Punkten, die unbedingt einzuhalten sind, wie zum Beispiel einer bestimmten Weckzeit, den gemeinsamen Mahlzeiten und einem täglichen Zeitfenster, in denen die Hausaufgaben erledigt werden sollten. Ausserdem gelten natürlich die allgemein gültigen Hygiene- und Vorsichtsmassnahmen in Bezug auf COVID-19 wie das regelmässige Händewaschen und der Abstand zu anderen Menschen. Innerhalb dieses Rahmens sind die Kinder aber absolut frei und dürfen tun und lassen, was sie wollen. Das heisst natürlich nicht, dass sie völlig unbeaufsichtigt sind, oder dass ich nie mit ihnen gemeinsam etwas spiele. Es heisst nur, dass ich ihnen nicht ständig Spielideen auf dem Silbertablett serviere, sondern dass sie diese grösstenteils selbst entwickeln müssen.


In solchen alltäglichen Situationen lernen Kinder nämlich Strategien, die ihnen bei der Bewältigung neuartiger Herausforderungen helfen können. Womit wir wieder bei den exekutiven Funktionen wären. Sie erlernen zum Beispiel wichtige Strategien im Umgang mit empfundener Langeweile. Hat das Kind die Möglichkeit, ersten Anzeichen von Langweile ohne den Einsatz von ambitionierten Aktivitäten oder Bildschirmmedien zu begegnen, festigt es von klein an aktive und kreative Strategien der Beschäftigung. Es spornt das Kind zu Kreativität an und befördert es in ein intensives Selbstwirksamkeitserleben. Natürlich kann es auch mal vorkommen, dass das Kind einfach müde ist und weder spielen noch kreativ sein möchte. Auch das gilt es wertzuschätzen. Dann kann Langeweile in Form von Nichtstun eine reizarme Auszeit mit darin stattfindender Erholung sein. Das Kind lernt seine Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf mit gesunden Strategien zu reagieren. Ein unheimlich wertvolles Achtsamkeitstraining!


Bei uns hat es jedenfalls bis anhin bestens funktioniert. "Mama, mir ist langweilig" hab ich nur ein einziges Mal gehört, ansonsten sprudeln die Spielideen nur so aus ihnen heraus. Die Kinder bauen riesige Dörfer und Städte aus Lego oder Playmobil, kuschelige Höhlen aus sämtlichen Kissen und Decken, die sie finden können, oder basteln sich selber Ninjago-Schwerter aus alten Schuhkartons. In der ersten Woche kam mein älterer Sohn auch noch auf die glorreiche Idee, sich mit Wasserfarbe die Haare grün zu färben und lief zwei Tage lang mit einer grünen Strähne herum. So etwas muss man dann eben aushalten und froh sein, dass er so kreativ ist und sich beschäftigen kann...


Auch für mich ist es übrigens unheimlich heilsam, mal Abstand zu nehmen vom üblichen "Mental Load", den das tägliche Leben als berufstätige Mutter mit sich bringt. Zum ersten Mal habe ich es geschafft, wirklich und wahrhaftig zu meditieren. Ohne dabei vor Erschöpfung einzuschlafen oder in Gedanken schon längst bei der nächsten Aktivität zu sein.


Namasté und langweilt euch schön!


65 Ansichten

©2019 by Mindful Flamingo. Proudly created with Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now