Mit Achtsamkeit die Angst besiegen

Ängste sind bei Kindern absolut nichts Seltenes und in den meisten Fällen auch kein Grund zur Sorge. Immerhin ist diese Vorsicht vor allem Unbekannten ja auch ein Schutzmechanismus, der uns vor Gefahren bewahrt und zum natürlichen Überlebensinstinkt des Menschen gehört.


Unter meinen Kindergartenkindern gibt es aber immer wieder Kinder, die besonders ängstlich oder unsicher sind, und sich kaum etwas Neues zutrauen. Viele Kinder haben beim Eintritt in den Kindergarten extreme Ablöseschwierigkeiten und wehren sich jeden Morgen mit Händen und Füssen, andere kehren völlig in sich ein und gehen dann in der Klasse leicht unter, weil sie sich nie am Unterricht beteiligen und somit auch nicht negativ auffallen.


Der Ursprung solcher Ängste kann einerseits eine Veranlagung oder eine angeborene Neigung sein, anderseits aber auch damit zusammenhängen, dass diesen Kindern zu Hause immer alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden und sie vor jeder auch noch so kleinsten Gefahr ausdrücklich gewarnt und behütet werden. Diese elterliche Überfürsorge kann die Ängste beim Kind noch verstärken. Ich habe mir als Lehrerin viele Gedanken darüber gemacht, wie ich diesen Kindern dabei helfen kann, mehr Sicherheit und Selbstvertrauen zu entwickeln und an die eigenen Stärken zu glauben. Hier sind einige meiner bewährten Strategien.


1. Emotionale Intelligenz fördern

Kinder sollten früh lernen, ihre eigenen Gefühle richtig wahrzunehmen und mit ihren Bedürfnissen richtig umgehen zu können. Die Fähigkeit, Gefühle bei anderen Menschen zu erkennen und sich darauf zu beziehen ist ein Grundpfeiler der Kommunikation und der Kooperation in der Gemeinschaft. Wenn ein Mensch verschiedene und differenzierte Möglichkeiten erfährt, mit eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer umzugehen, kann er sich im Alltag häufiger klar auf die Situation bezogen, flexibel und konstruktiv verhalten. Im Lehrplan 21 wird diese Fähigkeit unter den überfachlichen personalen Kompetenzen als Selbstreflexion bezeichnet. Dazu gehört die Wahrnehmung, die Unterscheidung und die Benennung von Gefühlen, sowohl von seelischen als auch von körperlichen Empfindungen, welche häufig eng zusammenhängen.

Eines dieser Gefühle ist auch die Angst. Im Kindergartenalter tasten sich Kinder oft von ganz alleine an das Gefühl der Angst heran, halten es nach und nach länger aus ohne wegzulaufen oder abzubrechen und entwickeln Bewältigungsmöglichkeiten, mit diesem Gefühl umzugehen. Dabei werden ganz verschiedene Strategien ausprobiert und immer mehr Sicherheit entwickelt, die Situation und die dadurch ausgelöste Angst kontrollieren zu können.

Wird diese Fähigkeit der Selbstwirksamkeit jedoch nicht ausreichend entwickelt, muss das Gefühl der Angst gemieden werden. Diese Kinder ignorieren die Angst also weitgehend, oder aber sie werden von den Wogen der Angst unkontrollierbar überschwemmt.

Um den Kindern die verschiedenen Gefühle und damit verbundenen seelischen und körperlichen Empfindungen näherzubringen und ihnen beizubringen, sie bei sich selbst zu erkennen und wahrzunehmen, mache ich einmal wöchentlich einen "Gefühlskreis". Die Kinder legen dabei eine kleine Korkfigur von sich auf den aktuellen Gefühlszustand und dürfen den anderen Kindern (natürlich nur wenn sie möchten) etwas darüber erzählen. Dabei reden wir auch immer wieder über verschiedene Strategien, mit negativ behafteten Gefühlen wie Wut, Angst oder Traurigkeit umzugehen.


2. Körperwahrnehmung und -kontrolle fördern

Yoga kann Kindern dabei helfen, verschiedene Bewegungsformen zu erproben und zu üben, es kann ihre Bewegungsmöglichkeiten und motorischen Fertigkeiten verfeinern und ihre koordinativen Fähigkeiten trainieren. Sie lernen dabei, mit ihrem Körper Gefühle und Empfindungen auszudrücken und Themen zu gestalten und darzustellen. Ihre Stärken und Begrenzungen werden ihnen bewusst und sie lernen, vorsichtig mit dem eigenen Körper umzugehen. Sie entwickeln nach und nach Selbstvertrauen und Mut. Einige Ideen, wie Yogaübungen mit Kindern spielerisch umgesetzt werden können habe ich hier zusammengestellt.

Ein wichtiger Teil der Yogapraxis sind Atemübungen. Sie sind eine regelrechte Geheimwaffe und können sowohl in Verbindung mit den Asanas als auch alleine praktiziert werden. Die Kinder sollten ihren eigenen Atem zunächst kennenlernen, um ihn dann bewusst zu spüren und ihn schliesslich selbst beeinflussen zu können. Durch eine konzentrierte Atmung kann ausserdem die Pulsfrequenz positiv beeinflusst werden, was insbesondere in Stresssituationen zur Normalisierung des Herz-Kreislaufsystems beitragen kann. Wenn ein Kind lernen kann, seinen Atem den Bewegungen der Asanas anzupassen, wird es auch Disharmonien und Verspannungen selber lösen können. Hier findet ihr einige Atemübungen für Kinder.


3. Die Sinne schärfen

Wenn ein Kind sich in einer akuten Angstsituation befindet, hilft oft eine Aktivierung eines oder mehrerer Sinne. Eine bewährte Methode ist dabei die "5-4-3-2-1"-Übung. Das Kind soll zuerst 5 Dinge nennen, die es sehen kann, dann vier Dinge, die es fühlen kann, drei Dinge die es hören kann, zwei Dinge die es riechen kann und schliesslich noch etwas, dass es schmecken kann. Natürlich darf dabei auch zu Hilfsmitteln wie einem Bonbon oder Gummibärchen gegriffen werden. Die Symptome der Angst werden so schnell vergessen sein.

Eine weitere Möglichkeit ist, dem Kind etwas zum Kneten in die Hand zu geben. Um dabei noch einen weiteren Sinn anzuregen, habe ich eine Knete mit einer ätherischen Ölmischung hergestellt, welche unter anderem Lavendel beinhaltet. Das verstärkt die beruhigende Wirkung des Knetens noch zusätzlich. So wird sie gemacht:



4. Ein gutes Vorbild sein

Last but not least ist es meiner Meinung nach unheimlich wichtig, die oben genannten Kompetenzen und Strategien auch bei sich selbst anzuwenden. Eine Lehr- oder Betreuungsperson sollte möglichst viel Sicherheit und Ruhe ausstrahlen. Gerade bei Ablöseschwierigkeiten ist es wichtig, dass die Lehrperson dem Kind von Anfang an das Gefühl gibt, die Situation absolut unter Kontrolle zu haben, da die Eltern oft selber Schwierigkeiten damit haben, das Kind loszulassen.

Trotzdem sollte auch eine Lehrperson nicht davor zurückschrecken, die eigenen Gefühle und auch Schwächen zu zeigen. Wichtig ist dabei eine möglichst genaue Beschreibung, welche den Kindern die sprachlichen Mittel an die Hand gibt, ihre eigenen Gefühle verbalisieren zu können. Auch ich nehme am Gefühlskreis teil und bringe meine Gefühle zum Ausdruck!

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