Mit Achtsamkeit und Yoga die exekutiven Funktionen fördern

Aktualisiert: März 9

Der Ausdruck Exekutive Funktionen ist ein Sammelbegriff aus der Hirnforschung und Neuropsychologie. Er bezeichnet jene geistige Funktionen, mit denen Menschen ihr eigenes Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen ihrer Umwelt steuern. Sie dienen dazu, das eigene Handeln möglichst optimal einer Situation anzupassen, um ein möglichst günstiges Verhaltensergebnis zu erzielen. Es handelt sich also um Kontrollprozesse, die besonders dann eingesetzt werden, wenn automatisiertes Handeln zur Problemlösung nicht mehr ausreicht. Beispiele für solche Situationen wären etwa die Korrektur eines Fehlers oder das Erlernen einer komplizierten neuen Fertigkeit. Also eigentlich genau das, was Kinder in der Entwicklung täglich mehrmals durchmachen, um erfolgreich lernen zu können. Deshalb sollten auch all diejenigen, die Kinder in ihrer Entwicklung und beim Lernen begleiten, über die Bedeutung und Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation informiert sein. In diesem Beitrag schreibe ich darüber, wie mit Achtsamkeit und Yoga um Unterricht die exekutiven Funktionen trainiert werden können und gebe ausserdem Tipps, wie man sie auch zu Hause fördern und kontinuierlich verbessern kann.


Kurze Einführung in die exekutiven Funktionen

Die exekutiven Funktionen unterstützen uns dabei, Entscheidungen zu treffen, planvoll, aber auch flexibel und zielgerichtet vorzugehen, das eigene Handeln zu reflektieren und es gegebenenfalls zu korrigieren. Nur wer in der Lage ist, spontane Impulse zu unterdrücken und damit eigene Bedürfnisse für eine gewisse Zeit hintanzustellen und somit auch herausfordernde oder ermüdende Aufgaben mit Ausdauer meistert, wer sein angestrebtes Ziel nicht aus den Augen verliert, wer flexibel reagiert und sich nicht allzu leicht ablenken lässt, kann erfolgreich lernen. Damit tragen die exekutiven Funktionen auch zur Willensbildung und zu diszipliniertem Verhalten bei. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist folglich auch Grundlage für eigenverantwortliches und selbstgesteuertes Lernen und Arbeiten. Sie ist gleichzeitig die Basis für die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen und damit für ein friedliches Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Die exekutiven Funktionen werden in drei Kategorien eingeteilt:

1. Kognitive Flexibilität

Die kognitive Flexibilität ermöglicht es, den Fokus der Aufmerksamkeit zu wechseln

und sich schnell auf neue Anforderungen einstellen zu können. Sie beschreibt zudem

die Fähigkeit, Personen und Situationen aus neuen Perspektiven zu betrachten und

zwischen diesen Perspektiven zu wechseln. Eine gut ausgebildete kognitive Flexibilität

hilft, offen für die Argumente anderer zu sein, aus Fehlern zu lernen und sich auf neue

Lebenssituationen und Arbeitsanforderungen schneller und besser einstellen zu können. Darunter fallen die Fähigkeit, Änderungen in Routineabläufen tolerieren zu können, aber auch Spielideen zu haben, sich in andere Kinder hineinversetzen und sich auf Rollenspiele einlassen zu können, Emotionen zu verstehen sowie offene Aufgaben und Spielsituationen meistern zu können.

2. Arbeitsgedächtnis

Das Arbeitsgedächtnis ist trotz seiner begrenzten Speicherkapazität von etwa fünf bis sieben Elementen über einen Zeitraum von nur wenigen Sekunden von grosser Bedeutung. Es dient der kurzzeitigen Speicherung und Weiterverarbeitung von Informationen. Ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis ermöglicht es, sich an eigene Handlungspläne und an Instruktionen anderer Personen besser zu erinnern, wodurch auch Handlungsalternativen verstärkt berücksichtigt werden können. Während die kognitive Flexibilität ermöglicht, von der geplanten Route abzuweichen und einen anderen Weg einzuschlagen, wird das Arbeitsgedächtnis also dabei helfen, mit Hilfe zuvor gespeicherter Informationen die Route neu zu berechnen und eine Alternative zu finden.

3. Inhibition.

Die Inhibition unterstützt situationsangemessenes Verhalten. Das bedeutet zum Beispiel, nicht ständig von äusseren Bedingungen, den eigenen Emotionen oder fest verankerten Verhaltensweisen beeinflusst zu sein, sondern zielgerichtet und flexibel zu handeln.

Durch die Fähigkeit, Verhalten zu hemmen, gelingt es, diejenigen Aktivitäten oder Handlungen zu vermeiden, die einem angestrebten Ziel oder dem aktuellen Kontext

entgegenstehen. Mit einer guten Inhibition fällt es also leichter, sich nicht ablenken zu

lassen, den Computer nicht einzuschalten, sondern mit den Hausaufgaben zu beginnen

oder einen Konflikt mit Worten und nicht mit Fäusten auszutragen. Die Inhibition oder Impulskontrolle ist für viele Kinder im Kleinkindalter noch sehr schwierig, insbesondere für Buben, da ihr präfontraler Cortex oder Frontallappen weniger schnell reift als bei Mädchen. Darunter fallen zum Beispiel die Fähigkeit, mit dem Essen erst zu beginnen, wenn alle am Tisch sind, im Stuhlkreis erst zu reden, wenn man ausgestreckt und von der Lehrperson drangenommen wurde, oder auf ein Spielzeug zu warten, mit dem gerade ein anderes Kind spielt.


Im Idealfall entwickelt sich der präfrontale Cortex, auch Frontallappen genannt, bis ins Jugendalter kontinuierlich weiter. In der Pubertät wird er etwas gehemmt, sollte aber mit ungefähr 25 Jahren vollständig entwickelt und funktionsfähig sein. Das heisst, alle oben genannten Fähigkeiten sollten im Laufe der Kindheit erlernt und im frühen Erwachsenenalter dann vollumfänglich einsetzbar sei

"Die exekutiven Funktionen und die Fähigkeit zur Selbstregulation sind entscheidend für den Lernerfolg und in diesem Zusammenhang vergleichbar bedeutsam wie die Intelligenz" (Kubesch, 2016)

Verzögerungen oder Störungen bei der Entwicklung der exekutiven Funktionen können entweder auf eine Verletzung in der präfrontalen Gehirnregion, oder aber auf eine Diagnose wie Legasthenie, Dyskalkulie oder ADHS hindeuten. Bei der Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), einer neurologischen Störung, sind die exekutiven Funktionen unterentwickelt, so dass die Aufmerksamkeit, die Verhaltensplanung, die Selbstkontrolle sowie die Erkennung von Prioritäten und Zielen beeinträchtigt sind.


Förderung der exekutiven Funktionen im Unterricht

Im Kindergarten und in der Schule zeigen sich Schwierigkeiten in der Selbststeuerung von Kindern und Jugendlichen in vielfältigen Situationen und Formen, z. B. dann, wenn sie nicht selbstständig, sondern erst nach mehrmaliger Aufforderung mit einer Aufgabe beginnen, Aufgaben nicht zu Ende bringen, sich auf kurzfristige Änderungen nur schwer einstellen können, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne aufweisen oder leicht ablenkbar sind, wichtige

Unterrichtsmaterialien oder Hausaufgaben vergessen, vermehrt Flüchtigkeitsfehler

begehen, sich in Details verlieren, ihr Lernen nicht planen können, leicht wütend werden, in Klassenarbeiten vor Aufregung ihr Wissen nicht abrufen können, anderen ins Wort fallen,

zu laut sprechen.... ich könnte noch lange weiter aufzählen.

Achtsame Kinder hingegen sind in der Lage, ihre Konzentration auf das, „worauf es ankommt“ zu richten, und verfügen über ein effizientes Arbeitsgedächtnis. Davon profitieren sie auch in schulischer Hinsicht bezüglich akademischer Leistungen. Achtsame Kinder weisen zudem in sozialer Hinsicht besondere Kompetenzen auf. Auch auf emotionaler Ebene haben sie Stärken: Sie haben weniger Angst und können gut mit Stress umgehen. Sie fühlen sich wohl und sind selbstbewusst. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass achtsame Kinder über

vielfältige mentale Ressourcen verfügen.

Ein regelmässiges Achtsamkeitstraining im Unterricht festigt die folgenden Fähigkeiten bei den Kindern: (a) das eigene Erleben beobachten, (b) dieses beschreiben, (c) mit Bewusstsein handeln, (d) inneres Erleben nicht bewerten und (e) auf inneres Erleben nicht reagieren.

Achtsamkeit fördert also die klare und objektive Reflexion auf das momentane Objekt der Aufmerksamkeit, inklusive das innere Erleben wie Gedanken oder Gefühle, und den momentanen Kontext. Dieser Zustand der zielgerichteten Reflexion fördert die Selbstregulation dadurch, dass exekutive Funktionen wie anhaltende Aufmerksamkeit oder kognitive Flexibilität unterstützt und Störungsquellen wie blitzschnelle Urteile, emotionale Reaktivität oder Kettenreaktion negativer Gedanken verringert werden. Ausserdem erzeugt das Üben des Nichtbewertens genauso viel Ruhe und Wohlbefinden wie die Fokussierung auf den momentanen Augenblick. Daher unterbricht das Achtsamkeitstraining auf der kognitiven Ebene (Aufmerksamkeit) wie auf der Gefühlsebene (Beurteilung) die automatische Hervorbringung emotionaler Reaktionen, was zu mehr Ruhe und emotionaler Stabilität führt; dies wiederum macht es leichter, über mehrere Aspekte einer gegebenen Situation und mehrere denkbare Antworten und Reaktionen nachzudenken.

Achtsamkeitstraining für Kinder und Jugendliche findet meistens in Kleingruppensitzungen mit vielfältigen Aktivitäten wie Body Scans, Atemübungen und Meditation im Sitzen statt. Um die bei Kindern begrenzten Fertigkeiten der Selbstregulation zu kompensieren, sind Sitzungen und individuelle Trainingsaktivitäten bei jüngeren Teilnehmern kürzer. Erwachsene können sich meist problemlos 45 Minuten lang auf ihren Atem konzentrieren, fünfjährige Kinder aber nur bis zu drei Minuten lang. Ausserdem sollte das Achtsamkeitstraining bewegungsbetonte Aktivitäten wie Yoga beinhalten, weil langes Stillhalten für

jüngere Kinder so schwierig sein kann, dass die Besinnung auf die Achtsamkeit gestört

wird.


Tipps für Eltern

Auch in den eigenen vier Wänden können Eltern und Erziehungsberechtigte die exekutiven Funktionen ihrer Kinder gezielt stärken. Dies kann sich nicht nur positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung und die täglichen Abläufe zu Hause auswirken, sondern auch auf das Lern- und Sozialverhalten der Kinder und Jugendlichen in der Schule. Hier ein paar konkrete Beispiele, wie eine solche Förderung im Alltag aussehen kann:


Problem: Das Kind hat Probleme, auf etwas zu warten

Lösung: Belohnungsaufschub

Konkrete Tipps:

  • Sichtbare und damit für das Kind einschätzbare Zeitvereinbarungen (z.B. mithilfe einer Eieruhr)

  • beständiges Loben, auch für kleine Teilerfolge, auf dem Weg zum Ziel

  • Einhaltung von freundlich konsequentem Vorgehen

  • sofortige Einlösung der Belohnung nach Erreichen des gemeinsamen Zieles


Problem: Das Kind ist sehr schwer zu motivieren, unangenehme Aufgaben (z.B. die Hausaufgaben) zu erledigen

Lösung: Hilfe bei der Strategieplanung

Konkrete Tipps:

  • Vereinbaren Sie gemeinsam mit Ihrem Kind jeweils eigene, umsetzbare Ziele und individuelle Belohnungen.

  • Entwickeln sie z.B. Wochenverträge und halten Sie sich unbedingt daran.

  • Rückmeldungen während der Arbeitszeit erfolgen Ihrerseits wortlos und nur über die Vergabe von Verstärkern. Z.B. können Sie für jeweils 10 Minuten Arbeit eine Büroklammer vergeben. Diese legen Sie in ein dafür vorgesehenes Schälchen. Die gesammelten Büroklammern werden am Ende eines Tages oder einer Woche in materielle oder soziale Belohnungen eingetauscht.


Problem: Das Kind kann sich schlecht konzentrieren

Lösung: Motivationssteigerung

Konkrete Tipps:

  • Machen Sie deutlich, dass die Einsicht, konzentriert zu arbeiten, allein nicht ausreicht, um die Aufmerksamkeit dauerhaft zu halten, sondern dass es Übung braucht, um verändertes Verhalten zu automatisieren und die Aufmerksamkeitsspanne zu erhöhen

  • Machen Sie Ihrem Kind deutlich, wie grundlegend wichtig auch im Alltag die Steuerung der Aufmerksamkeit ist, z. B. im Strassenverkehr, im Kontakt mit Freunden usw.

  • Zur Motivationssteigerung sollten Sie mit Ihrem Kind besprechen, was es nach Erledigung der Hausaufgaben Positives erwarten kann, z. B. Freunde treffen, zum Sport gehen, Musik hören, spielen etc. Sollte es dieses Ziel während der Bearbeitung gedanklich verlieren, können Sie zur Unterstützung der Motivation und Aufmerksamkeit eine passende Foto- oder Bildkarte auf den Tisch legen.

  • Halten Sie Ihr Kind zusätzlich an, sich für sein konzentriertes Arbeiten selbst zu loben, indem Sie sich von ihm berichten lassen, was es selbst an seinem Verhalten gut findet,


Problem: Das Kind hat Probleme, seine Emotionen zu regulieren

Lösung: Emotionale Unterstützung

Konkrete Tipps:

  • Halten Sie das Gefühl gemeinsam aus, und helfen Sie Ihrem Kind, die Situation zu akzeptieren, indem Sie mit ihm über seine Gefühle und die Situation sprechen und bei ihm bleiben.

  • Zeigen Sie Ihrem Kind Handlungsmöglichkeiten auf, damit sich das Gefühl von Selbstwirksamkeit erneut aufbauen kann.

  • Loben Sie Ihr Kind für seine Mitarbeitsbereitschaft und Offenheit.


Bei allen diesen Aktivitäten sind die Eltern mit ihrem Verhalten ein wichtiges Vorbild dafür, wie Kinder Fertigkeiten der Achtsamkeit entwickeln. Überprüfen Sie unbedingt auch Ihre eigene Arbeitsweise und Einstellung zur Bearbeitung von Arbeitsaufträgen. Ausserdem können Eltern und Bezugspersonen viele Alltagserfahrungen in Möglichkeiten umwandeln, die achtsame Bewusstheit von Kindern zu fördern, indem sie deren Wahrnehmung zielgerichtet und überlegt dafür schärfen, was im momentanen Augenblick um sie herum geschieht. Beim gemeinsamen Essen können Eltern ihre Kinder z. B. dazu ermuntern, über das Essen, das sie gerade zu sich nehmen, nachzudenken: „Ist es heiss oder kalt? Ist es hart oder weich?“ In traurigen Momenten können Eltern ihre Kinder fragen: „Wo spürst du deine Traurigkeit: in den Augen, im Hals oder in der Brust?“ Vor dem Einschlafen können Eltern ihre Kinder bitten, tief durchzuatmen und zu spüren, wie der Körper sich nach dem langsamen Atmen ruhiger anfühlt.


Ein schönes Wochenende und Namasté!





Sämtliche Informationen in diesem Beitrag habe ich dem Buch von Sabine Kubesch (Hrsg.): "Exekutive Funktionen und Selbstregulation" (Hogrefe, 2016) entnommen.

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